Die erste schlechte Note im neuen Schuljahr – und jetzt?
Das neue Schuljahr läuft seit einigen Wochen. Die ersten Tests und Klassenarbeiten sind geschrieben – und vielleicht liegt plötzlich eine Note auf dem Tisch, mit der weder Ihr Kind noch Sie gerechnet haben.
Eine 4, vielleicht sogar eine 5.
Schnell entstehen Fragen: Hat mein Kind zu wenig gelernt? War die Vorbereitung falsch? Fehlen Grundlagen? Oder war es einfach ein schlechter Tag?
Bevor die Klassenarbeit im Hefter verschwindet, kann sie uns etwas Wichtiges zeigen. Denn die Note allein sagt erstaunlich wenig darüber aus, was eigentlich passiert ist.
Eine schlechte Note beantwortet die Frage „Wie lief die Klassenarbeit?“ – aber noch nicht die Frage „Warum lief sie so?“
Und genau dieses Warum sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind herausfinden.
Eine schlechte Note sagt noch nicht, wo das Problem liegt
Zwei Kinder können dieselbe Note schreiben und trotzdem völlig unterschiedliche Schwierigkeiten haben.
Das eine Kind hat den Unterrichtsstoff nicht richtig verstanden. Das andere beherrscht ihn eigentlich, macht unter Zeitdruck aber viele Fehler. Ein weiteres hat viel gelernt, sich bei der Vorbereitung jedoch auf die falschen Dinge konzentriert.
Auch fehlende Grundlagen aus früheren Schuljahren können eine Rolle spielen. Gerade in Mathematik oder Englisch fällt das manchmal erst auf, wenn neue Themen auf bereits Bekanntem aufbauen.
Deshalb sind die einzelnen Fehler oft viel interessanter als die Zahl, die am Ende unter der Klassenarbeit steht.
Erst verstehen, dann reagieren
Eine schlechte Note sorgt verständlicherweise für Enttäuschung. Beim Kind genauso wie bei den Eltern.
Sätze wie
„Du hast einfach zu wenig gelernt.“
oder
„Ich habe dir doch gesagt, dass du früher anfangen sollst.“
sind dann schnell ausgesprochen.
Vielleicht wurde tatsächlich zu wenig gelernt. Das wissen Sie zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht.
Ein besserer Einstieg in das Gespräch kann eine einfache Frage sein:
„Was glaubst du selbst, woran es gelegen hat?“
Die Antwort liefert häufig schon einen ersten Hinweis.
„Eigentlich dachte ich, dass ich alles kann.“
„Ich wusste bei den Aufgaben nicht, wie ich anfangen soll.“
„Am Ende hatte ich keine Zeit mehr.“
„Zu Hause konnte ich das noch.“
Solche Aussagen erzählen wesentlich mehr über die Schwierigkeiten Ihres Kindes als die Note selbst.
Was die Fehler in der Klassenarbeit verraten
Eine zurückgegebene Klassenarbeit ist mehr als ein Ergebnis. Sie zeigt ziemlich genau, an welchen Stellen etwas funktioniert hat – und an welchen nicht.
Schauen Sie deshalb gemeinsam auf die Fehler und versuchen Sie herauszufinden, welche Art von Fehlern besonders häufig vorkommt.
1. Wissensfehler
Eine Formel wurde vergessen, eine Vokabel war nicht bekannt oder eine wichtige Regel konnte nicht abgerufen werden.
Hier fehlt Wissen, das noch einmal gezielt gelernt und anschließend wiederholt werden sollte.
2. Verständnisfehler
Ihr Kind kennt beispielsweise eine mathematische Formel, weiß aber nicht, wann es sie anwenden muss. Oder eine grammatische Regel wurde auswendig gelernt, kann in einer Aufgabe aber nicht richtig eingesetzt werden.
Dann hilft weiteres Auswendiglernen kaum. Das zugrunde liegende Thema muss verstanden werden.
Eine einfache Probe dafür ist:
„Kannst du mir erklären, wie du auf diese Lösung kommst?“
Kann Ihr Kind den Lösungsweg mit eigenen Worten erklären, ist das meist ein gutes Zeichen dafür, dass es den Zusammenhang verstanden hat.
3. Flüchtigkeitsfehler
Eine Zahl falsch abgeschrieben, ein Minuszeichen übersehen oder eine Aufgabe nicht vollständig gelesen – solche Fehler passieren.
Treten sie jedoch immer wieder auf, sollte nach der Ursache gesucht werden. Arbeitet Ihr Kind zu schnell? Ist es während Klassenarbeiten nervös? Bleibt am Ende keine Zeit zum Kontrollieren?
Dann muss nicht unbedingt mehr Stoff gelernt werden. Vielleicht braucht Ihr Kind eine bessere Strategie für die Bearbeitung und Kontrolle der Aufgaben.
4. Die Aufgabe wurde nicht richtig verstanden
Manchmal ist das notwendige Wissen vorhanden, aber Ihr Kind erkennt nicht, was eigentlich gefragt ist.
Besonders bei Text- und Sachaufgaben spielt das häufig eine Rolle.
Dann kann es helfen, Aufgabenstellungen bewusst zu zerlegen:
- Was ist gegeben?
- Was wird gesucht?
- Welche Informationen brauche ich?
- Was soll ich am Ende herausfinden?
Auch das Verstehen von Aufgabenstellungen lässt sich üben.
5. Die Zeit hat nicht gereicht
Sind die ersten Aufgaben richtig und die letzten kaum oder gar nicht bearbeitet, fehlt möglicherweise nicht das Wissen.
Vielleicht benötigt Ihr Kind für bestimmte Aufgabentypen noch zu lange oder bleibt zu lange an einer schwierigen Aufgabe hängen.
Dann kann es helfen, unter realistischen Zeitbedingungen zu üben: lösbare Aufgaben zuerst bearbeiten, schwierige Aufgaben zunächst überspringen und am Ende einige Minuten für die Kontrolle einplanen.
Aus „Ich bin schlecht in Mathe“ wird ein lösbares Problem
Nach einer schlechten Arbeit entstehen bei Kindern schnell sehr allgemeine Aussagen:
„Ich kann Mathe einfach nicht.“
Das klingt nach einem riesigen Problem, an dem sich kaum etwas ändern lässt.
Nach einer genaueren Analyse sieht die Situation vielleicht so aus:
„Die Bruchrechnung kann ich eigentlich. Bei Textaufgaben weiß ich aber oft nicht, welchen Rechenweg ich brauche.“
Das ist ein großer Unterschied.
Plötzlich geht es nicht mehr um „Ich kann kein Mathe“, sondern um eine konkrete Schwierigkeit. Und an einer konkreten Schwierigkeit kann gearbeitet werden.
Besonders wichtig: Viel gelernt und trotzdem eine schlechte Note?
Etwas genauer sollten Sie hinschauen, wenn Ihr Kind sich intensiv auf eine Klassenarbeit vorbereitet hat und das Ergebnis trotzdem deutlich schlechter ausfällt als erwartet.
Dann lautet die Lösung wahrscheinlich nicht einfach: Beim nächsten Mal noch mehr lernen.
Vielleicht wurde der Stoff auswendig gelernt, aber nicht wirklich verstanden. Vielleicht wurden hauptsächlich Hefteinträge gelesen, statt Aufgaben selbstständig zu lösen. Vielleicht fehlen Grundlagen aus einem früheren Thema. Oder Ihr Kind konnte sein Wissen unter dem Zeitdruck der Klassenarbeit nicht sicher abrufen.
In solchen Situationen ist nicht nur die Lernzeit interessant.
Hat mein Kind das Richtige auf die richtige Weise gelernt?
Eine schlechte Note macht noch kein Schulproblem
Jedes Kind schreibt irgendwann eine schlechte Klassenarbeit.
Vielleicht war die Vorbereitung diesmal tatsächlich nicht gut. Vielleicht war die Arbeit besonders schwierig. Vielleicht hatte Ihr Kind einfach einen schlechten Tag.
Wenn es dem Unterricht grundsätzlich folgen kann, die meisten Inhalte versteht und die Leistungen ansonsten stabil sind, muss aus einer einzelnen schlechten Note kein großes Thema werden.
Schauen Sie gemeinsam, was schiefgelaufen ist, ziehen Sie eine Konsequenz daraus – und dann darf die Sache auch wieder erledigt sein.
Ein Ausrutscher – oder steckt mehr dahinter?
Anders sieht es aus, wenn sich ein Muster entwickelt.
Ihr Kind lernt viel und die Ergebnisse bleiben trotzdem schlecht. Hausaufgaben dauern immer länger. Bereits bekannte Aufgaben bereiten plötzlich Schwierigkeiten. Neue Themen werden kaum noch verstanden oder dieselben Fehler tauchen immer wieder auf.
Auch Sätze wie „Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“ oder „Das kann ich sowieso nicht.“ sind Hinweise, genauer nach der Ursache zu suchen.
Gerade in aufeinander aufbauenden Fächern können kleine Lücken später größere Auswirkungen haben. Wenn beispielsweise die Bruchrechnung nicht sicher verstanden wurde, können später auch Prozentrechnung, Gleichungen oder Funktionen Schwierigkeiten bereiten.
Dann liegt das Problem möglicherweise gar nicht beim aktuellen Unterrichtsstoff, sondern einige Schritte davor.
Eine einfache Vorgehensweise nach einer schlechten Klassenarbeit
Sie müssen nicht am Nachmittag der Rückgabe sofort die komplette Arbeit aufarbeiten. Wenn Ihr Kind noch enttäuscht oder verärgert ist, bringt eine ausführliche Fehleranalyse häufig wenig.
Eine einfache Vorgehensweise kann so aussehen:
1. Die Note erst einmal ankommen lassen
Fragen Sie, wie Ihr Kind die Arbeit selbst einschätzt. Die eigentliche Analyse kann auch einen Tag warten.
2. Die Klassenarbeit gemeinsam für etwa 15 Minuten anschauen
Versuchen Sie, die Fehler den oben beschriebenen Kategorien zuzuordnen. Oft wird dabei bereits deutlich, wo der Schwerpunkt liegt.
3. Ein oder zwei Themen auswählen
Nicht jede rote Markierung muss sofort bearbeitet werden. Konzentrieren Sie sich zunächst auf die Fehler, die sich wiederholen oder auf fehlende Grundlagen hinweisen.
4. Einige Tage später noch einmal überprüfen
Lassen Sie Ihr Kind die betreffenden Aufgaben erneut selbstständig lösen.
So wird aus der schlechten Note ein überschaubarer nächster Schritt statt eines riesigen Lernprogramms für die kommenden Wochen.
Warum Ihr Kind die fehlerhaften Aufgaben noch einmal lösen sollte
Dieser letzte Schritt ist besonders wichtig.
Nachdem die Fehler besprochen und die betreffenden Themen noch einmal geübt wurden, bekommt Ihr Kind die fehlerhaften Aufgaben erneut. Die korrigierten Lösungen sollten dabei möglichst nicht danebenliegen.
Kann Ihr Kind die Aufgaben jetzt selbstständig lösen?
Noch besser: Kann es erklären, warum der Lösungsweg funktioniert?
Dann wurde aus dem Fehler tatsächlich etwas gelernt.
Tauchen dieselben Schwierigkeiten erneut auf, ist das betreffende Thema offenbar noch nicht sicher verstanden. Dann wissen Sie auch, wo weiter angesetzt werden sollte.
Wenn die Schwierigkeiten bleiben
Bleiben Schwierigkeiten über mehrere Wochen bestehen, sollte genauer geklärt werden, woher sie kommen.
Manchmal gelingt das gemeinsam mit der Lehrkraft. In anderen Fällen kann eine gezielte Lernunterstützung von außen helfen.
Dabei sollte zunächst geklärt werden, wo das eigentliche Problem liegt.
Fehlen fachliche Grundlagen? Wurde ein bestimmtes Thema nicht verstanden? Weiß Ihr Kind nicht, wie es sich sinnvoll auf Klassenarbeiten vorbereitet? Oder kann es vorhandenes Wissen in Prüfungssituationen nur schwer abrufen?
In unserer täglichen Arbeit erleben wir immer wieder, dass die schlechte Note selbst gar nicht das eigentliche Problem ist. Manchmal zeigt sich beim gemeinsamen Arbeiten eine Wissenslücke, die schon deutlich länger besteht. In anderen Fällen sitzt der Stoff grundsätzlich, aber die Art der Vorbereitung passt nicht zum Kind oder zur Aufgabe.
Deshalb führt auch zusätzliche Übungszeit nicht automatisch zum gewünschten Ergebnis.
Je genauer die Ursache bekannt ist, desto gezielter kann daran gearbeitet werden.
Was Ihr Kind aus einer schlechten Note mitnehmen kann
Eine schlechte Note muss weder zum Drama werden noch einfach im Schulranzen verschwinden.
Richtig genutzt, kann die Klassenarbeit zeigen, wo noch Unsicherheiten bestehen und was beim nächsten Mal anders gemacht werden kann.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung, die Ihr Kind daraus mitnehmen kann:
Eine falsche Antwort zeigt nicht, was ich grundsätzlich nicht kann. Sie zeigt mir, woran ich als Nächstes arbeiten kann.